Dienstag, 5. November 2013

Der Amoklauf, der keiner war. // Update

Hallo ihr Lieben,

ich habe gestern den Schock meines Lebens bekommen. Aber bevor ihr das hier lest, müsst ihr wissen, mir geht es gut! Ich bin zwar immernoch ein bisschen zittrig, aber wir werden gut versorgt hier.

Der Tag hat ganz normal angefangen. Frühstück wie immer um 8.50 Uhr, dann meinen Visual Communications Kurs. Gegen ca. 11 Uhr bin ich zurück in meine Dorm gekommen. Außer mir waren meine beiden Mitbewohnerinnen Jess und Amanda da. Ich saß am Schreibtisch und hab ein bisschen im Internet gesurft. Um 13 Uhr war ich mit Caroline zum Mittagessen verabredet, wie jeden Montag. Gegen 12 Uhr hat dann auf einmal mein Handy geklingelt und Caroline war dran. Sie war ganz aufgeregt und meinte, ich soll in meinem Zimmer bleiben, es gäbe auf dem Campus Amok-Alarm. Ich war total verwundert, weil ich nichts mitbekommen habe. Wir haben dann aufgelegt und ich bin zu Jess und Amanda, die gerade auch von ihren Freundinnen informiert wurden. Ich wäre am liebsten sofort aus dem Wohnheim gerannt, einfach nur weit weg. Aber die beiden haben mich überzeugt, dass es in unserem Zimmer gerade am sichersten ist. Zu diesem Zeitpunkt war ich zwar geschockt, aber noch nicht richtig besorgt. Bis dann Amanda eine SMS von einer ihrer Freundinnen bekam, dass sich der Täter in James Hall, also meinem Wohnheim, aufhalten soll.

Jess hat relativ gut reagiert und sofort unsere Eingangstüre abgeschlossen. Wir drei sind zusammen ins Bad, weil das der einzige Raum hier ohne Fenster ist. Wir haben alle Fernseher und Musik ausgestellt, damit wir hören, falls etwas passiert. Ungefähr zwei Minuten später hat es laut an unsere Tür geklopft. Ich habe darauf bestanden, dass die Mädels die Türe nicht aufmachen, obwohl die Menschen vor der Tür die ganze Zeit "This is the police. Open the door" gerufen haben. Aber woher sollten wir denn wissen, dass es wirklich die Polizei ist? Amanda und Jess haben trotz meines Protestes dann die Tür aufgemacht. Es war wirklich die Polizei, genau genommen das SWAT-Team. Ihr müsst euch Männer vorstellen, die geschätzte drei Köpfe größer und ungefähr doppelt so breit wie ich sind, mit riesigen Maschinengewehren (oder was weiß ich für Waffen). Die Männer haben uns angeschrien, dass wir sofort das Gebäude verlassen sollen. Ich war inzwischen in Tränen aufgelöst und hab mir nur meine Jacke und mein Handy geschnappt und bin aus unserer Suite gerannt. Die komplette Lobby unseres Wohnheims war mit SWAT-Menschen gefüllt, die alle gleichzeitig mein Stockwerk evakuiert haben. Sie haben uns Zeichen gegeben, dass wir in ein anderes Wohnheim sollen. Ich habe mich erst geweigert, denn woher weiß ich denn, dass ich nicht auf dem Weg dahin erschossen werde? Aber die SWAT-Menschen konnten mich dann doch überzeugen, dass es so am sichersten ist. Außerhalb meines Wohnheims waren ungefähr 100 SWAT-Team-Member, die den Weg für uns gesichert haben, während wir die ungefähr 100 Meter zu dem anderen Wohnheim gerannt sind. Es war wirklich so, wie man das immer in den Nachrichten sieht, wenn über Amokläufe berichtet wird. Inzwischen wurde ein Lockdown ausgerufen , d.h. niemand darf das Zimmer/Gebäude verlassen, in dem er sich befindet.

Als wir in dem anderen Wohnheim angekommen sind, wurden wir von einem RA angewiesen, in den Keller des Wohnheims zu gehen und uns von Fenstern fern zu halten. Seit Carolines Anruf waren vielleicht 10 Minuten vergangen. Ihr seht also, dass das alles wahnsinnig schnell ablief. Ich weiß zwar nicht, woher die innerhalb von 10 Minuten mehr als 100 SWAT-Team-Members aufgetrieben haben, aber das ist wohl Amerika. Ich war nur noch mehr in Panik, weil niemand genau wusste, wo sich der oder die Schützen aufhalten. Zum Glück gibt es hier an der Uni in jedem öffentlichen Raum einen Fernseher, sodass wir die News einschalten konnten. Das war eine große Hilfe, weil wir so erst mal erfahren haben, was überhaupt los ist. Mehrere Studenten haben einen Mann in Army-Kleidung und Waffen (Schwert und Pistole) in unser Wohnheim rennen sehen und die Campus-Polizei verständigt. In den Nachrichten kam auch, dass bisher keine Schüsse gefallen sind, was uns alle ein bisschen beruhigt hat. Trotzdem war ich echt aufgelöst. Amanda und Jess waren beide erstaunlich ruhig. Jess meinte die ganze Zeit zu mir, dass ich versuchen muss, ruhig zu bleiben, denn falls der Täter hier her kommt, müsse ich in der Lage sein, klar zu denken. Das war nicht wirklich beruhigend für mich. Das einzige, was mich halbwegs beruhigt hat, war die wirklich hohe Polizeipräsenz. Es waren so viele Polizisten, dass der Schütze eigentlich keine Chance gehabt hätte, wirklich in das Wohnheim zu kommen, in dem ich mich gerade befand. Inzwischen hatte ich auch Kontakt zu allen meinen Freundinnen. Caroline hat sich im Schrank versteckt. Kelly und Alyssa waren gerade auf dem Weg zum Unterricht, als der Alarm kam und haben mit anderen Studenten zusammen Schutz in einem Klassenzimmer gesucht. Sarah war gerade im Unterricht und ihr Professor hat sich zusammen mit der Klasse im Klassenzimmer eingeschlossen.

Das Schlimmste war das Warten. Zwar konnten wir alles über den Fernseher mitverfolgen, was draußen passiert, aber niemand wusste wirklich genau, was passiert. Die Uni hat gut mit uns kommuniziert. Wir haben E-Mails und Telefonanrufe mit Anweisungen bekommen und auch über Facebook und Twitter wurden wir auf dem Laufenden gehalten. Das Problem war, dass die Uni selbst nicht genau wusste, was eigentlich los ist.

Nach ungefähr zwei Stunden sind wir ins Erdgeschoss des Wohnheims gegangen. Von da aus konnten wir beobachten, wie immer wieder SWAT-Teams in James Hall gestürmt sind. Inzwischen hatte es NBC geschafft, irgendwie in das Wohnheim zu kommen, in dem wir uns befanden. Ich weiß zwar nicht, wie sie das trotz des Lockdowns geschafft haben, aber naja. Sie wollten uns dann interviewen. Ich wollte erst nicht, aber der Reporter hat mich dann überzeugt, in dem er gesagt hat, dass wenn ich mit ihm rede, jeder sehen kann, dass es mir gut geht (hat sich in dem Moment für mich sehr logisch angehört, erst später bin ich drauf gekommen, dass ich ja alle meine Freunde hier in den Staaten informiert hatte). Naja.

Irgendwann sind wir dann in die Lobby des Wohnheims gegangen. Von da hatten wir einen guten Blick auf die Polizeiaktionen, ohne selbst irgendwie in der Schusslinie zu sein. Schüsse wurden bis zu diesem Zeitpunkt aber immer noch nicht abgegeben. Ungefähr drei Stunden, nachdem wir evakuiert wurden, haben wir dann gesehen, wie die Polizei drei junge Männer in Handschellen abgeführt hat. Einer der Männer passte genau auf die Beschreibung, die wir im Fernsehen gehört hatten. Mein erster Gedanke war "Oh mein Gott, endlich ist das hier vorbei". Der zweite Gedanke war "Oh Gott, den kenn ich doch?". Tatsächlich war einer der Männer Dave, der in meinem Wohnheim wohnt und den ich vom sehen kenne. Ich war total schockiert, aber auch wirklich erleichtert, weil nach Medien niemand verletzt wurde. Und wann geht so eine Situation schon mal gut aus?

Nachdem der Lockdown aufgehoben war, bin ich erst mal zu Caroline gegangen, der es den Umständen entsprechend auch gut ging. Genau wie meinen Roomies, die ich in unserer Suite alle wieder traf. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie erleichtert und erschöpft wir alle waren. Trotzdem waren wir auch verwirrt, weil wir immer noch nicht wussten, warum das ganze passiert ist und was Dave genau gemacht hat.

Gegen Abend kam dann die große "Erleichterung". Alles war nur ein Missverständnis. Dave (übrigens der Sohn von einem Professor hier) war von einer 4-tägigen-Halloween-Party von der UConn zurück gekommen. Das Outfit war sein Halloweenkostüm und sowohl Schwert als auch Pistole waren nicht echt. Die Waffen haben nicht in seinen Rucksack gepasst, deshalb hat er sie am Körper getragen. Nachdem er aus dem Bus direkt vor der Uni ausgestiegen ist, hat eine andere Buspassagierin die Polizei angerufen. Dave ist inzwischen zu unserem Wohnheim gerannt, weil er spät zum Unterricht dran war und er sich noch umziehen wollte. Das haben mehrere Studenten gesehen und ebenfalls die Polizei informiert. Dave war inzwischen in seinem Zimmer in der James Hall angekommen, als der Lockdown ausgerufen wurde. Er selbst hat anscheinend gar nicht gecheckt, dass er derjenige ist, der den Lockdown verursacht, bis die Polizei ihn aus seinem (verbarrikadierten) Zimmer abgeführt hat.

Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich drei Stunden in Panik war wegen nichts. Natürlich ist es sehr beruhigend zu wissen, dass uns niemand zu keiner Zeit wirklich etwas antun wollte. Trotzdem waren das die schlimmsten drei Stunden meines Lebens. Ich weiß auch nicht, ob ich beruhigt sein soll, dass ich von unglaublich dummen (und dreckigen - ich meine, wer bitte wechselt denn in 4 Tagen sein Outfit nicht?) und nicht von unglaublich verrückten Menschen umgeben bin.

Trotzdem geht es mir gut. Ich bin zwar immer noch ein bisschen durch den Wind, aber die Uni kümmert sich gut um uns. Allgemein kann ich wirklich nur ein Lob an Uni und Polizei aussprechen, die die Sache augenscheinlich wirklich gut unter Kontrolle hatten. Ich fühle mich hier jetzt auch nicht unsicherer oder gar unwohler. Gestern habe ich zwar gemeint, dass ich sofort nach Hause will, aber nachdem alles gut ausgegangen ist, habe ich da schon gar nicht mehr drangedacht. Wir sind hier in guten Händen und ihr müsst euch keine Sorgen machen!

xxx,
Lisa

P.S. Was mit Dave passiert, weiß niemand. Er wurde gestern auf Kaution freigelassen und wird wegen Ruhestörung angezeigt. Ob er zurück kommt, weiß ich nicht. Obwohl er für die schlimmsten Stunden meines Lebens verantwortlich ist, tut er mir Leid. Ich meine, er wollte niemandem etwas tun. Er war einfach nur dumm. Es kann sein, dass er sich mit der Aktion sein ganzes Leben versaut hat. Ich hoffe wirklich, dass die Sache für ihn einigermaßen glimpflich ausgeht.

Update: Okay, vergesst mein P.S. Es tut mir nicht Leid für ihn! Ich habe Fotos gesehen, wie er gestern aussah und ganz ehrlich, wäre der mir begegnet, hätte ich auch die Polizei gerufen. Ich kann nicht fassen, wie dumm eine einzelne Person sein kann! Falls ihr die Fotos sehen wollt:
http://www.wnem.com/story/23878315/ccsu-senior-arrested-following-campus-lockdown?app

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